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Ein Rückblick: Zehn Jahre "Kleine Komödie, Kammerspiele Graz"

Kinder, wie die Zeit vergeht ... Oh, pardon! Aber Sie verzeihen mir doch bitte diesen kleinen intimen Ausrutscher am Anfang des vorliegenden Programmheftes der "Kleinen Komödie". Indes, das werden Sie mir zugeben, reizende Besucherin, charmanter Besucher unserer Aufführung: Zehn Jahre sollen nicht unkommentiert im Fundus der Zeit abgelegt werden.

"Na, das waren Zeiten!", sage ich zu Robert Weigmüller, dem unermüdlichen Motor und Prinzipal der "Kleinen Komödie". Und der Herr Magister der Künste nickt beipflichtend. (Obwohl das nicht unbedingt seine Pflicht wäre ...)

"Jetzt müssten wir streng genommen", fahre ich fort, "unser Logo, also, das süße Baby mit dem Zylinder, in einen jungen Mann verwandeln ..."
"Nur das nicht!", fällt mir Robert ins Wort. "Du weißt es als langjähriger Textgestalter unserer Programmhefte und als dramaturgischer Weggefährte unsere Bühne doch genauso gut wie ich: Theater ist und bleibt ewig jung!"
"Und macht kindisch", setze ich, ein bisschen Kabarettautor ist man nun mal, vorlaut hinzu. "Das sagt meine Frau Andrea, quasi die bessere Hälfte unseres oftmals nervenaufreibenden Unternehmens, auch immer", übt sich der nimmer müde Kunstmanager in ironischem Understatement.

Um freilich sogleich wieder zum durchaus Geschäftsmann zu mutieren, der weiß, worauf es ankommt. "Du erinnerst dich doch an unsere Anfänge. Da haben wir um jeden Zuschauer gekämpft ..." "Im Grazer Hotel Europa, ja", ergänze ich. "Im März 1994 war die Uraufführung ... ,Wer zuletzt kracht ...´ hat das Kabarettprogramm geheißen."
"Und du hast es geschrieben", fällt mir der Prinzipal - wie üblich - ins Wort. "Und trotzdem war es ein Erfolg", füge ich, gleichsam um Lob heischend, hinzu. Das sitzt. "Na, ja ... Wir waren gut ... Aber - Erfolg ... Finanzieller Erfolg?!"
Robert sinniert. Ich lenke ab, führe das Gespräch auf Umwege, gaukle ein bisschen. "Dann, 1995, kam Agatha Christies ,Mausefalle´ ... "In der Grazer ,Arena´, genau. Wir sind ja damals überhaupt ein - im wahrsten Sinn des Wortes - reisendes Volk gewesen: Vom Hotel in die Arena - " "Dann ins ORF-Messestudio, übrigens mit ,Kaktusblüte´", ergänze ich.

"Ja, und deshalb nehmen wir im zehnten Jahr unseres Bestehens diese tolle Komödie von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy auch wieder auf!"

Robert lächelt und legt sein Lächeln hintergründig an. "Allerdings wurden wir nach einigen Produktionen mit offenen Armen im Grazer Casino aufgenommen - und die Zeit des Vagabundierens hatte ein Ende." "Ihr habt von ,Lauf nicht immer weg´, dieser schmissigen Komödie von Philip King, über ,Schmetterlinge sind frei, vom Musical ,Sie spielen unser Lied´ und ,Barfuß im Park´ bis ,Kunst´ und ,Boeing - Boeing´ so ziemlich alles gespielt, was der gehobene Boulevard zu bieten hat", bete ich, dem Leporello in Mozarts "Don Giovanni" nicht unähnlich, die Liste der Produktionen ´rauf und ´runter.
"Auch ,Shirley Valentine, ,Bleib doch zum Frühstück´ und ,Flitterwochen´", ergänzt Don Juan - pardon: Robert Weigmüller. "Nicht zu vergessen: ,Avanti, Avanti´, ,Eine Frau beginnt mit Vierzig´ oder ,Den schickt der Himmel´ ..."

"Ja", werfe ich ein, um nicht ganz zu verkümmern, "auch ,Hier sind Sie richtig´-" "Seit wann siezen wir einander?", fragt Robert ein wenig bekümmert ... "Ach so, du meinst das Stück ...!" "Genau. ,Sonny Boys´, ´Die Nervensäge´, ,Katzenzungen´ und ,Spiel´s noch mal, Sam´ runden die zehn bisherigen Jahre ab. Donnerwetter!", sage ich, als wenn ich selbst über die Liste überrascht wäre. "Und alles das hast du, verehrter Robert, selbst inszeniert, bei vielen Stücken auch mitgespielt ..."

"Aber nicht, dass jetzt jemand glaubt, es wäre mein Herzenswunsch gewesen, ein Theater aufzumachen, den Regisseur abzugeben und groß ins Kunstmanagement einzusteigen!" Zwei geborene Grazer sehen einander an.
"Nicht?", wage ich zu zweifeln. "Absolut nicht. Schau", entschlüsselt mein Gegenüber auch dieses Geheimnis, das inzwischen übrigens tatsächlich das eines Erfolgs geworden ist, "ich wollte ganz einfach wieder in Graz etwas künstlerisch tun ... In erster Linie bin und bleibe ich doch Schauspieler -"
"Und als solcher hast du zum Beispiel beim legendären Professor Herbert Wochinz in Klagenfurt und auf Schloss Porcia durch Jahre erfolgreich mitgewirkt!", werfe ich ein.

"In erster Linie also - Schauspieler", übergeht der Prinzipal mein Lob und wird ernst: "Doch das Kunstmanagement lässt mir dafür ja kaum noch Zeit!" Stimmt. Gemeinsam mit Gattin Andrea schaukelt der Kunst-Magister seinen vergleichsweise überschaubaren Betrieb im privaten Spielbereich, also abseits der üppig fließenden Subventionen und der angeblich hochkulturellen Lobbys, der heute über sage und schreibe 14.000 Theaterbegeisterte als treues Stammpublikum verfügt.

"Jetzt unternehmen wir mit Erfolg Tourneen, bespielen neben der Steiermark praktisch ganz Burgenland und expandieren als ,Kleine Komödie´ demnächst sogar nach Wien."
"Adieu, Graz?", frage ich sorgenvoll.

"Keine Angst! Zwei Tage jeder Aufführungswoche sind wir hier - bei unseren Freunden!" "Spiel´s lang noch, Robert!", sage ich, ohne Herren Woody Allan nahe treten zu wollen. Und trinke mein Bier aus, um mich, solcherart gelabt, nach Hause zu begeben, wo ich - hinter dem Computerbildschirm versteckt - das schreibe, was Sie eben lesen.

Bernd Schmidt